Christophe Hohler

Aus WikiArt
Wechseln zu: Navigation, Suche

Christophe Hohler Vanite 4.jpg Onlinegalerie Menzel


Es gibt etwas Faszinierendes an den Figuren, die Christophe Hohler inszeniert. „Faszinierend“ jedoch gibt nur ungenügend das wieder, was in uns geschieht, in dem Moment, da wir seine Figuren erblicken. In der Tat: Die zerbrechlichen Silhouetten ergeben sich uns mit einer Unmittelbarkeit, die derart beunruhigend ist, dass wir erschüttert sind.

Betrachten wir diese entwaffneten Wesen, die in ruhigen Momenten ihres Daseins festgehalten werden, so realisieren wir, wie sehr unser Blick kondizioniert, ja gefesselt ist. Seit langem verbietet der Anstand, Mitmenschen eindringlich anzusehen. Muss man es nicht gewissenhaft vermeiden, den Blickkontakt allzu lange aufrechtzuerhalten? Verbietet es nicht die Schicklichkeit heute, den anderen überhaupt zu sehen (und zu verstehen)? Bei Christophe Hohler – sowohl als Künstler als auch als Menschen - sind diese Tabus aufgehoben. Er weigert sich, sich dieser Art von Konvention anzupassen. Wenn man ihn beispielsweise fragt, woher seine Figuren stammen, antwortet er ganz einfach: „Indem ich male, offenbart sich das Subjekt.“ Deshalb bedarf er seit einiger Zeit keines Modells mehr vor sich, um seinen Silhouetten einen Körper zu geben. Vielmehr ist es seine geistige Wachsamkeit, die sein optisches Gedächtnis und sein Einfühlungsvermögen mobilisiert. Diese Konvergenz führt seine Hand, und in wenigen blitzartigen Strichen entstehen „Dieser da“, Figur 12-01, Einzelperson 1, eine Flüchtlingsgruppe… Denn er malt schnell, sehr schnell. Man muss ihn einmal malen sehen: Mit wenigen Farbstrichen erfindet er einen Körper und verleiht ihm die erwünschte Ausstrahlung. Man begreift, dass er eine Vielzahl von Beobachtungen integriert und die Formen, die gewisse psychische Zustände einnehmen können, auswendig gelernt hat. Und er lässt sie in wahrhaftig symptomatischen Bildern entstehen. Er gestaltet die Figur mit seinem Gelb, mit dem Blau, dem Rot. Vor allem dem Rot, Farbe des Lebens. „Beim Malen offenbart sich das Subjekt …“ Er sucht weder Individualität noch Ähnlichkeit, vielmehr stöbert er mit der unfehlbaren Genauigkeit, die ihm eigen ist, die Menschlichkeit der Wesen auf. Davon fängt er einen kleinen, intimen Teil ein, die ihre Zerbrechlichkeit, ihre strahlende Würde ist. Das, was wir uns weigern, zu sehen, und uns zu Recht fasziniert.

© Claude ROSSIGNOL